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(Kapitel 10 - Seite 6 / 6)
Interpretation der Dependenzanalyse
Bei Einführung der Korrelationsrechnung haben wir betont, daß
die Korrelation ein Maß für eine interdependente Beziehung zwischen
zwei Variablen ist - trotz häufig zu findender einseitig-dependenter
Interpretation. Wir haben abschließend in diesem Lehrbuch drei
statistische Verfahren vorgestellt, in deren Modellen von dependenten
Beziehungen in einem multivariaten Geflecht ausgegangen wird,
nämlich die Faktorenanalyse (genauer: das Modell mehrerer gemeinsamer
Faktoren), die Partialkorrelation und die (multiple) Regression.
Allen diesen Modellen ist gemeinsam, daß sie nicht dazu taugen,
den Traum mancher naiven Forscher zu erfüllen, nämlich ohne fundierte
theoretische Überlegungen und entsprechende Gestaltung eines Forschungsdesigns
tatsächliche Kausalbeziehungen in einem multivariaten Setting
aufzudecken. Es wurde verdeutlicht, daß die Verfahren nützlich
sein können zum Auffinden von Varianzquellen, daß sie aber nicht
Ursachen im kausalen Sinne aufspüren können. Alle drei Verfahren
verlangen theoretische Überlegungen bei der Erstellung des Designs
und der Interpretation der Ergebnisse.
Ein 'gutes' Ergebnis z.B. in einer multiplen Regressionsanalyse
liefert noch längst keinen hinreichenden Hinweis für sozialtechnologische
Handlungsanweisungen, u.a. deshalb weil dieses Verfahren relativ
empfindlich auf leichte Variationen in der Datenbasis reagiert.
Variieren die Korrelationen der Ausgangsmatrix auch nur relativ
gering, so kann es aufgrund des Partialiserungsvorganges zu starken
Verschiebungen bei den Beta-Koeffizienten kommen.
Schließlich legt die Auswahl der analysierten Daten zumindest
eine Ergebnisrichtung bereits im Vorhinein fest. Nimmt man z.B.
bei der Berechnung einer Partialkorrelation zwischen Intelligenz
und Schulleistung als herauszupartialisierende dritte Variable
anstelle des sozioökonomischen Status des Elternhauses die Variable
'eigene Erfahrungen der Eltern mit ihrem schulischen Lernstoff',
dann können bei vergleichbarer Auswirkung auf die Korrelation
zwischen Intelligenz und Schulleistung höchst unterschiedliche
Schlüsse gezogen werden.In der Entscheidung über die in eine Untersuchung
einzubeziehenden Variablen drückt sich die Erfahrung und theoretische
Ausrichtung (z.B. eine eher sozialpsychologische gegenüber einer
eher individualpsychologischen Ausrichtung) eines Wissenschaftlers
aus. Eine Objektivierung durch repräsentative Abdeckung des Variablenraumes,
wie sie manche Autoren z.B. idealerweise für die Basisdaten einer
Faktorenanalyse verlangen, ist schlechterdings nicht zu erreichen.
Ein gutes Beispiel scheinen uns dafür die verschiedenen Intelligenztests
und die darauf basierende Erforschung der Intelligenzfaktoren
zu sein. Es ist schon erstaunlich, wie sehr die Aspekte von kreativer,
sozialer und Handlungsintelligenz venachlässigt wurden, und wie
wenig Berührung die empirisch-differentielle Intelligenzforschung
mit der theoretisch fundierten Kognitionstheorie PIAGET's aufweist.
Hinzu kommt eine weitere Erklärung, die für alle genannten Verfahren
gleichermaßen gilt:
Sie gehen von einem linearen Zusammenhangsmodell aus, d.h. sie
können auch nur lineare Dependenzbeziehungen beschreiben. Es mag
für viele sozialwissenschaftliche und psychologische Daten sinnvoll
sein, von Normalverteilung und damit von Linearität auszugehen;
wir befürchten allerdings, daß eine starke, jahrzehntelange Tradition
in Ausbildung und Forschung den Blick für sinnvolle nicht-lineare
Zusammenhänge verdeckt hat.
Trotz der genannten Einschränkungen halten wir die dependenzanalytischen
Verfahren für wichtig, gerade weil sie einen großen Teil der empirischen
Psychologieforschung ausmachen und ihre quasi-objektiven Resultate
dem Studierenden allenthalben vorgehalten werden, und haben sie
deshalb für dieses Lehrbuch ausgewählt. Sie können - allerdings
nur auf der Basis einer fundierten Theorie -. auch dazu dienen,
Modelle zu entwickeln, die dann weiter zu beforschen sind. Wir
wollen mit den obigen Überlegungen lediglich erreichen, daß diese
Verfahren bewußt und kritsch gelesen und eingesetzt werden.
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